Editorial Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitglieder, „Wir müssen mehr und länger arbeiten!“ Diese Forderung wird in letzter Zeit vor allem von großen Teilen der Politik erhoben. Sie erwartet von den Erwerbstätigen mehr Arbeitsstunden, mehr Leistung, mehr Flexibilität und mehr Einsatz. Gleichzeitig wird von führenden Politikern und Arbeitgebervertretern eine etwas schrä- ge Debatte über eine angeblich zunehmende Lifestyle-Teilzeit an- gezettelt. In diesem Zusammenhang wird auch über eine mögliche Einschränkung des gesetzlichen Anspruchs auf Teilzeit diskutiert. Fakt ist: Hierzulande liegt die Teilzeitquote bei einem neuen Re- kordwert von 40,3 Prozent. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Teilzeitarbeit nicht immer freiwillig erfolgt. Für manche ist sie näm- lich die einzige Möglichkeit, Beruf und Familie überhaupt unter einen Hut zu bekommen. Denn etwa ein Fünftel der Menschen, die gern mehr arbeiten würden, tut oder kann das nicht, weil die Betreuungssituation für Kinder oder die Lebensumstände von pfle- genden Angehörigen nichts anderes zulassen. Außerdem haben auch wir es in unserem Organisationsbereich mit Arbeitgebern zu tun, die oft nur Teilzeitstellen anbieten oder auch bei Mehrarbeit aus Kostengründen nicht von Teilzeit auf Vollzeit erhöhen. Die Unternehmen sagen zwar: „Wir brauchen dringend mehr Arbeits- kräfte“, schreiben gleichzeitig aber Stellen mit 20 Stunden aus. Vielleicht 25. Vielleicht auch 30 – aber bitte nur, wenn es irgend- wie passt. Warum? Weil Vollzeit offenbar plötzlich ein Luxusgut geworden ist. Man möchte die Arbeitskraft. Aber bitte portioniert. Man möchte die Flexibilität. Aber bitte vom Arbeitnehmer. Man möchte Pla- nungssicherheit. Aber bitte für den Arbeitgeber. Und wenn die Menschen dann gezwungenermaßen in Teilzeit arbeiten? Dann zeigt man mit dem Finger auf sie und sagt: „Seht her! Die arbeiten zu wenig!“ Das ist ungefähr so, als würde man jemandem ein Fahr- rad mit nur einem Pedal geben und anschließend schimpfen: „War- um fährst du eigentlich nicht schneller?“ Offenbar fehlt uns in diesem Land nur noch eines zum wirtschaft- lichen Glück – nämlich die Bereitschaft, noch ein bisschen länger zu arbeiten. Aber Moment mal: Bevor wir jetzt alle begeistert unsere Arbeitszeiten erhöhen, stellen sich für mich noch ein paar Fragen: Wo sollen eigentlich unsere Kinder hin? Denn der Kindergarten schließt spätestens um 17 Uhr. Die Schule endet bereits um halb zwei. Die Ganztagsbetreuung hat Wartelisten. Die Tagesmutter ist ausgebucht. Und die Großeltern? Die arbeiten vielleicht selbst noch. Liebe Politiker und Arbeitgebervertreter: Das ist keine Ver- einbarkeit von Familie und Beruf! Das ist Tetris – nur dass die Steine Kinder heißen und irgendwann alle gleichzeitig runterfallen. Wir können gerne über das Thema Arbeitszeit reden. Aber nicht so, wie es uns manche gerne verkaufen würden. Nicht: „Wie be- 05-2026 kommen wir die Menschen dazu, noch mehr zu arbeiten?“ Son- dern: „Warum können Menschen, die mehr arbeiten wollen, es nicht tun?“ Das ist die entscheidende Frage. Wenn jemand 20 Stunden arbeitet und gerne 35 arbeiten würde – dann brauchen wir keine Moralpredigt. Dann brauchen wir einen Arbeitsplatz mit 35 Stunden. Wenn eine Mutter gerne Vollzeit arbeiten würde, aber keinen Betreuungsplatz für ihr Kind bekommt – dann brau- chen wir keine Vorwürfe. Dann brauchen wir Kinderbetreuung. Und wenn ein Unternehmen lieber zwei Teilzeitstellen ausschreibt, weil es damit seine Personalkosten besser kalkulieren kann, dann soll es bitte nicht anschließend erklären, die Beschäftigten seien schuld an der Teilzeitquote. Eines müssen wir endlich mal klarstellen: Arbeitszeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Arbeitszeit wird organisiert. Arbeitszeit wird angeboten. Arbeitszeit wird bezahlt. Und Arbeitszeit wird durch politische Entscheidungen ermöglicht oder verhindert. Deshalb sage ich: Ja, wir brauchen mehr Arbeitskräfte. Ja, wir müssen dar- über sprechen, wie Menschen mehr arbeiten können. Aber dann müssen wir auch die Bedingungen schaffen! Wir brauchen Löhne, bei denen sich Mehrarbeit auch tatsächlich lohnt. Wir brauchen Arbeitsplätze, die zum Leben passen – und keinen Dienstplan, nach dem ich mein Leben ausrichten muss! Wir wollen eine Arbeitswelt, in der Leistung anerkannt wird und sich lohnt; in der Familiengründung kein berufliches Risiko und Teilzeit keine Sackgasse ist. Deshalb lasst uns den Spieß umdrehen. Wenn man uns sagt: „Ihr müsst mehr arbeiten!“, dann antworten wir: „Sehr gerne – aber schafft die Bedingungen dafür!“ Gebt uns die Betreuungsplätze. Gebt uns echte Vollzeitstellen. Gebt uns faire Löhne. Gebt uns planbare Arbeitszeiten. Und vor allem: Hört auf, den Menschen die Schuld an einem System zu geben, das ihr selbst organisiert habt. Ihre/Eure Christina Dahlhaus Christina Dahlhaus Bundesvorsitzende M O K V P D : o t o F 3